04.05.2020, 09.27 Uhr

Joseph Ratzinger: "Antichrist" - DIESE Details der Papst-Biografie schockieren

Die vom Journalisten Peter Seewald verfasste Biografie über den emeritierten Papst Benedikt XVI. enthüllt allerhand Unerhörtes, was Sie noch nicht über Joseph Ratzinger wussten. Einiges davon sorgt für erhitzte Gemüter. 

Die Biografie über den ehemaligen Papst Benedikt XVI. enthält allerhand Unerhörtes. Bild: picture alliance/Daniel Karmann/dpa

Der Journalist Peter Seewald hat sein Opus Magnum vorgelegt: Eine mehr als 1000 Seiten starke Biografie über den emeritierten Papst Benedikt XVI., den früheren Kardinal Joseph Ratzinger. Britta Schultejans von der Deutschen Presseagentur berichtet.

Biografie enthüllt: Papst war schon mal verliebt

Die Biografie wird womöglich Schlagzeilen machen - und zwar nicht nur, weil sie aufwendig und detailreich recherchiert und streckenweise durchaus spannend erzählt ist. Und auch nicht, weil Ratzinger Seewald darin von der Liebe zu einer Frau berichtet ("Waren Sie verliebt in ein Mädchen?" - "Vielleicht." - "Also ja?" - "Könnte man so interpretieren." - "Wie lange hat diese leidvolle Zeit gedauert? Einige Wochen? Ein paar Monate?" - "Länger.").

Moderne Gesellschaft formuliert antichristliches Credo

Und noch nicht einmal, weil auch der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche thematisiert wird, in dessen Rahmen Ratzinger sich nach Ansicht Seewalds als großer Aufklärer hervortat und nicht - wie das Kritiker meinen - eher als Vertuscher. Was Schlagzeilen machen dürfte, ist das letzte Kapitel des Buches, in dem Seewald Ratzinger Fragen stellt. Darin sagt Ratzinger, die moderne Gesellschaft sei dabei, "ein antichristliches Credo zu formulieren". Wer sich dem widersetze, dem drohe gesellschaftlicher Ausschluss.

Benedikt hält Abtreibung und Homoehe für antichristlich

Er nennt drei Beispiele: "Vor hundert Jahren hätte es noch jedermann für absurd gehalten, von homosexueller Ehe zu sprechen. Heute ist gesellschaftlich exkommuniziert, wer sich dem entgegenstellt. Ähnliches gilt bei Abtreibung und für die Herstellung von Menschen im Labor." Es sei "nur allzu natürlich", darum "Furcht vor der geistigen Macht des Antichrist" zu haben.

Die (offizielle) Einstellung der katholischen Kirche zur Homosexualität ist zwar hinreichend bekannt, dennoch dürfte die Deutlichkeit der Formulierung "bösartigen Verzerrung der Wirklichkeit", spricht von "Stimmungsmache". "Der Spektakel an Reaktionen, der hernach von der deutschen Theologie kam, ist so töricht und so bösartig, dass man lieber nicht davon spricht. Die eigentlichen Gründe dafür, dass man einfach meine Stimme ausschalten will, möchte ich nicht analysieren", sagt er über Reaktionen auf seinen Beitrag in einer theologischen Zeitschrift im Jahr 2018.

Benedikt als vermeintlicher Schattenpapst hinter Franziskus

Kritiker werfen Benedikt vor, sich seit seinem Rücktritt im Jahr 2013 wie eine Art "Schattenpapst" zu verhalten, als konservativer Gegenpapst. Besonders laut wurde diese Kritik, als im vergangenen Jahr ein Beitrag von ihm in einem Buch von Kardinal Robert Sarah über den Zölibat erschien. "Die Behauptung, dass ich mich regelmäßig in öffentliche Debatten einmische, ist eine bösartige Verzerrung der Wirklichkeit", betont der 93-Jährige. Benedikt hat nach eigenen Angaben eine sehr gute Beziehung zu seinem Nachfolger Franziskus. "Wie Sie wissen, ist die persönliche Freundschaft mit Papst Franziskus nicht nur geblieben, sondern gewachsen."

Biograf verteidigt Joseph Ratzinger

Und auch Autor Seewald hält die Beurteilung Ratzingers als "Schattenpapst" für völlig falsch. Sie gehe - wie schon der Begriff des "Panzerkardinals" - in erster Linie auf seinen Rivalen, den Tübinger Theologen Hans Küng zurück, der nichts ausgelassen habe, um Ratzinger öffentlich zu diskreditieren. "Kein anderer Theologe hatte sich der bürgerlich-liberalen bis kirchenfeindlichen Presse stärker angedient als der Schweizer", schreibt Seewald. "Es war ein Geben und Nehmen: Küng lieferte die Statements - und kassierte ein Wohlwollen, das schon an Heiligenverehrung grenzte."

Dass Ratzinger sich von einem fortschrittlichen zu einem reaktionären Theologen gewandelt habe, stimme nicht. Das "Trauma" von Tübingen, wonach Ratzinger - geschockt von den 68er Revolten - seine Progressivität aufgegeben habe, sei eine Legende. So lautet eine der Kernthesen des Buches.

Benedikt von Selbstzweifeln geplagt

Seewald zeichnet Ratzinger als einen geradlinigen Mann, dessen theologische Ansichten Jahrzehnte überdauerten - und als das komplette Gegenteil des "Panzerkardinals". Er betont menschliche Züge und Selbstzweifel des jahrzehntelangen Glaubenspräfekten, der als "Höhepunkt meines Lebens" nicht etwa die Wahl zum Papst im Jahr 2005 nennt, sondern seine Priesterweihe im Freisinger Dom am 29. Juni 1951.

"Jemanden wie ihn wird es nicht mehr geben."

Es sind kleine Szenen, die der Autor dazu nutzt, den immer etwas unnahbar wirkenden Theologen menschlich und nahbar erscheinen zu lassen. Seewald schreibt zum Beispiel, dass Ratzinger selbst überrascht war, dass er sich während einer Taufübung mit einer Puppe "nicht einmal so ungeschickt wie sonst immer" anstellte. In seiner Zeit als Kaplan in München-Bogenhausen sei er als Nikolaus eingesprungen und als Dozent im Freisinger Priesterseminar kurz Chef der Hausfeuerwehr gewesen, der eine Überschwemmung bei einer Löschübung trocken mit "Sintflut" kommentierte. Ratzinger habe darunter gelitten, seine Arbeit als Dogmatik-Professor und sein Haus in Regensburg erst für München und dann für Rom aufgeben zu müssen, habe nie Papst werden wollen.

"Er war nie so progressiv, wie ihm das nachgesagt wurde, aber auch nie so konservativ", sagt Seewald im Interview der Deutschen Presse-Agentur in München. Möglich aber, dass die Debatte darum mit diesem Buch jetzt wieder neu aufflackert. Seewald sagt auch: "Vielleicht wird man die Bedeutung seines Werkes erst nach seinem Tod ganz zu schätzen lernen. Jemanden wie ihn wird es jedenfalls nicht mehr geben."

Ratzinger sieht sich als Opfer einer "bösartigen Verzerrung der Wirklichkeit"

"Der Spektakel an Reaktionen, der hernach von der deutschen Theologie kam, ist so töricht und so bösartig, dass man lieber nicht davon spricht. Die eigentlichen Gründe dafür, dass man einfach meine Stimme ausschalten will, möchte ich nicht analysieren", sagt er in der neuen Biografie "Benedikt XVI.- Ein Leben" mit Blick auf Reaktionen auf seinen Beitrag über das Verhältnis von Christentum und Judentum für die theologische Zeitschrift "Communio" im Jahr 2018.

"Die Behauptung, dass ich mich regelmäßig in öffentliche Debatten einmische, ist eine bösartige Verzerrung der Wirklichkeit", betont der 93 Jahre alte frühere Kardinal Joseph Ratzinger im Gespräch mit Seewald, das im letzten Kapitel der mehr als 1000 Seiten umfassenden Biografie unter der Überschrift "Letzte Fragen an Benedikt XVI." aufgeführt ist.

Benedikt hat nach eigenen Angaben eine sehr gute Beziehung zu seinem Nachfolger Franziskus. "Wie Sie wissen, ist die persönliche Freundschaft mit Papst Franziskus nicht nur geblieben, sondern gewachsen."

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sig/news.de/dpa

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